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Sport!?! Sport ist Mord fiel mir bislang stets zu diesem Begriff ein. Obwohl auch ich Sport treibe, aber in Maßen, amateurhaft, laienhaft eben, also nicht professionell. Sieht die
Öffentlichkeit von ein paar Ausnahmen (Doping und Vorerkrankungen) mal ab, dann ist diese Weisheit natürlich auch übertrieben. Aber darauf wollte ich eigentlich gar nicht hinaus.
Mein Lebensgefährte, ein leidenschaftlicher Anhänger des ruhmreichen Fußballclubs Borussia Mönchengladbach, klagte mir jüngst sein Leid. Nein, nicht wegen des Tabellenplatzes. Schließlich steht
sein Verein auf dem ersten Platz (der Zweiten Liga!!!), und seine Mannen haben am vergangenen Wochenende auch gewonnen. Und nicht nach einer 4:0 Führung noch 4:5 verloren, wie es der Titel
vermuten läßt. Nein, es stört ihn etwas anderes, was auf lange Sicht sein Interesse am Fußball gänzlich untergraben könnte. Wahrscheinlich geht das auch anderen Fans so. Da das, was er
zunächst seinen Freunden erzählte, und ich mithören durfte, selbst derart interessant finde, dachte ich mir, die wesentlichen Passagen der Diskussion zu veröffentlichen. Natürlich mit dem
Einverständnis meines Lebensgefährten und seiner Freunde. Ich bin gespannt wie hoch die Resonanz auf diesen Beitrag sein wird.
Zu Beginn behauptete mein Lebensgefährte, daß es seit einigen Jahren vermehrt auffällige Ereignisse gebe, die sich bei Fußballspielen in den ersten und zweiten Ligen im In- und Ausland ereignen
würden. Zum Beispiel läßt ein Torhüter den Ball unerwartet fallen, woraus ein Gegentor resultiert; ein Spieler benutzt unerklärlicherweise zur Abwehr einer Flanke seine Hände und verursacht damit
einen Elfmeter; ein Stürmer köpft oder schießt ein komisches Eigentor; das Zeigen einer Roten Karte wird ohne Not provoziert, seltsame Verletzungen mit urplötzlichen Genesungen. Mannschaften oder
eine Gruppe von gleichstarken Mannschaften verlieren oder gewinnen gerade dann (gleichzeitig), wenn es vollkommen unerwartet ist, und daraufhin die Tabellensituation insgesamt wieder spannender
wird. Abstieg und Meisterschaft scheinen plötzlich wieder offen zu sein. Mein Lebensgefährte betont, daß es solche Vorkommnisse und Überraschungen auch schon vor zwanzig, vierzig, sechzig oder
hundert Jahren gegeben habe. Aber nicht derart gehäuft! Heute verginge kaum ein Spiel ohne eines oder mehrerer solcher Ereignisse. Ich glaube, er muß es wissen, denn er beschäftigt sich mit dem
Thema, worauf dieser Beitrag abzielt, beruflich.
Hierzu möchte ich neun stellvertretende Beispiele anführen:
1. Bei einem wichtigen Europapokalspiel zwischen Werder Bremen und Juventus Turin fängt der Torwart der deutschen Mannschaft den Ball sicher, setzt zu einer Rolle vorwärts an und verliert dabei
den Ball, was zu dem alles entscheidenden Gegentreffer führt. Machogehabe?
2. Bei einem Meisterschaftsspiel der türkischen Süperlig zwischen Fenerbahce Istanbul und Konyaspor (Saison 2006/2007) vergeben die Stürmer beim Stande von 3:0 reihenweise beste
Einschußmöglichkeiten. Aber nicht, weil sie von Gegenspielern daran gehindert werden oder weil die Positionen ungünstig sind. Nein, die Spieler brechen sich beinahe die Beine, um ja nicht
schießen zu müssen bzw. sie schießen so schwach, daß der Ball unterwegs einzuschlafen droht - aus 10, 5, 3 ... Metern. Unvermögen?
3. Beim diesjährigen Premier-League-Spiel zwischen Arsenal London und Manchester United steht es bis 10 Sekunden vor dem Pausenpfiff 0:0, obwohl beide Mannschaften Torchancen hatten. Mit dem
letzten Angriffszug fällt dann aus heiterem Himmel das 0:1, was wenige Minuten nach Wiederanpfiff egalisiert wird und der Stand von 1:1 bis zum Ende des Spiels bleibt (trotz zahlreicher
Torchancen hüben wie drüben). Zufall?
4. An den meisten Spieltagen der zweiten französischen Liga (Saison 2006/2007) fielen in den meisten Spielen weniger als drei Tore; hin und wieder kam bzw. kommt es vor, daß zur Halbzeit
insgesamt weniger als 3 oder 4 Tore (von zehn Spielen) gefallen sind. Weniger als 3 Tore heißt im Wettjargon "unter Tore".
5. Beim kürzlichen Telekom-Bundesligaspiel zwischen LASK Linz und Rapid Wien fallen insgesamt acht Tore (Endstand 4:4). Linz führt 2:1, 3:2 und 4:3. Die letzte Führung gilt auch noch in der
letzten Spielminute. Als allerletzte Aktion bekommt der Gast einen Freistoß zugesprochen. Ein direkter Schuß verbietet sich, es muß geflankt werden. Also flankt der Rapidspieler in die Mitte und
per Kopf oder Fuß verlängert ein Mitspieler den Ball ungehindert ins Tor und markiert damit den Ausgleich. Ungehindert, weil alle zehn Gegenspieler herausgelaufen sind, um auf Abseits zu spielen.
Wirklich Zufall?
6. Vor wenigen Tagen führte der FC Barcelona bei Betis Sevilla mit 2:0. Die Gäste waren haushoch überlegen. In der zweiten Halbzeit trat plötzlich eine Veränderung ein, aber ohne, daß
die Hausherren stärker geworden wären. Die Folge dieser Veränderung (das große Barcelona war von jetzt auf gleich ängstlich geworden ?) waren drei Gegentreffer. Das Spiel ging verloren.
Wirklich Zufall?
7. Beim gestrigen UEFA-Pkal-Hinspiel zwischen dem FC Bayern München gegen den FC Getafe fällt in der allerletzten Spielminute der Ausgleich zum 1:1 durch die Spanier. Wirklich Zufall?
8. Beim Champions-League-Finale 2005 führt der AC Mailand mit 3:0 (!) gegen den FC Liverpool. Am Ende steht es 3:3, Verlängerung, Elfmeterschießen, Liverpool verläßt als Sieger den Platz.
Wirklich Zufall?
9. Beim Ligaspiel (Saison 2007/08) zwischen dem Ersten Red Bull Salzburg und einem Verfolger namens Rapid Wien werden sage und schreibe sieben Tore geschossen. In das Salzburger Tor! Mit diesem
Sieg zieht Rapid kurz vor Saisonende in der Tabelle an Salzburg vorbei. Und?
Ereignisse dieser und anderer Art ließen sich auch aus Greichenland, Italien, der Schweiz, Tschechien, Portugal, Dänemark, Rußland u.a. europäischen und außereuropäischen Ländern
dokumentieren.
Was haben solche Ereignisse auf den ersten Blick alle gemein?
Sie erhöhen den Unterhaltungswert eines Fußballspiels sowie einer -saison. Schließlich geht man doch gerne ins Stadion oder setzt sich vor den Fernseher, wenn viele und womöglich kuriose Tore
fallen. Wenn nicht nur die Favoriten gewinnen, sondern auch die Außenseiter eine Chance haben. Das bringt Fun, Spannung, Heiterkeit, treue Zuschauer und Lust auf mehr.
Was bedeutet der Einbruch der Unterhaltungsphilosophie in den Fußballsport?
Zunächst einmal bedeutet mehr Unterhaltung mehr Medienpräsenz, mehr Vermarktung, v.a. mehr Werbung, Merchandising, mehr Geld, höhere Profite. Es entsteht ein milliardenschwerer Markt. Hier läßt
sich richtig "leichtverdiente" Kohle machen. Mit relativ geringem Aufwand.
Welche Konsequenz bringt diese enorme Wirtschaftlichkeit mit sich?
Diese Profitmaximierung zieht natürlich selbstredend auch kriminelle Subkulturen an. In erster Linie denke ich da an die massenhaften Wettanbieter und an die Personen, die mittels eines solchen
Angebots dank ihrer Einflußmöglichkeiten (Verbände, Funktionäre, Vereinsvorstände, Manager, Spielerberater, Schiedsrichter, Spieler, Vereinskapitaleigner, Sponsoren, Mäzene, Geldwäscher,
Drogendealer, das organisierte Verbrechen wie z.B. die Mafia etc.) versucht sein könnten, sich ein großes Stück vom Kuchen abschneiden zu wollen. Korruption und Wett- sowie
Spielmanipulationen gibt es nicht erst seit gestern, aber mit der Liberalisierung des Fußballsports (Einkaufen in Sportvereine, siehe Chelsea London, FC Liverpool, Zenit St. Petersburg oder
Quasi-Einkaufen, siehe TSG Hoffenheim, Schalke 04 u.v.a.) und des Wettgeschäfts wird der Profifußball seinen sportlichen Charakter und seine sozio-kulturelle Vorbildfunktion einbüßen.
Wettskandale in Italien (Juventus Turin u.a., noch immer nicht abgeschlossen), Belgien, Deutschland (der Fall Hoyzer) und neuerdings in Portugal (FC Porto) stellen nur die Spitze des
Eisbergs sowie lediglich eine Momentaufnahme dar.
Warum zieht man seitens der sportlich verantwortlichen nicht die Reißleine?
Das liegt zum einen daran, daß die Lobby der Unterhaltungsindustrie fast schon übermächtige Positionen besetzen in den Medien, im Bereich Sport, aber vor allem in Justiz, Politik und Verwaltung.
Das erkennt man daran, daß in Deutschland der neue Glücksspielstaatsvertrag, der privaten Wettanbietern ihr Geschäft verbietet, gültig seit dem 1.1.2008, von der EU torpediert und in Deutschland
selbst gar nicht umgesetzt wird. Damit läuft der Schutz von Wettabhängigen absolut ins Leere. Auch die DFL, der DFB und andere Fußballverbände sind nicht geneigt, einzugreifen, weil schließlich
will man sich nicht den Ast absägen, auf dem man selbst sitzt. Fernseheinnahmen in Millionenhöhe wären gefährdet, damit die eigene Position, das Ansehen etc.
Was sind die mittel- bis langfristigen Folgen?
Last but not least bleibt der sportliche Wettbewerb auf der Strecke. Einzelne Spiele und Spielsaisons verkommen zu reinen Unterhaltungsveranstaltungen, die allerdings keine Aussagekraft mehr
besitzen über die sportliche Leistungsfähigkeit eines Teams oder gar einer Region/ Landes. Ein Beispiel: Der österreichische Fußball liegt im internationalen Vergleich deshalb so auf dem Boden,
weil das Unterhaltenwollen jeglichen Anreiz nimmt, kontinuierlich sportliche Bestleistungen zu erbringen. Was dazu führt, daß es keinen allgemeingültigen Leistungsmaßstab mehr gibt. Die
Ergebnisse der österreichischen Fußballnationalmannschaft im Vorfeld der EM 2008 sprechen dafür Bände (natürlich gibt es auch noch andere Gründe).
Fußball mag zwar jetzt unterhaltender sein als Micky Mouse in Disneyland, aber seinen Reiz wird es seiner Meinung nach in spätestens zehn Jahren bei ehrlichen Sportfans eingebüßt haben. Das
meint mein Lebensgefährte und befürchtet, daß er nicht eines allzu fernen Tages mitansehen müßte wie seine - hinter mir natürlich!!! - heißgeliebte Borussia auf den Wink irgendeines
einflußreichen oder reichen oder verbrecherischen oder nur dummen Menschen hin gewinnen darf oder verlieren muß. Hoffentlich wird dieser Zeitpunkt soweit hinausgezögert wie nur möglich. Denn er
möchte noch lange Freude haben an seinem Team, am Fußballsport und seiner Arbeit.
P.S.: Mein Lebensgefährte vermutet, daß an diesem Wochenende der 1.FC Nürnberg auswärts gewinnt, und Arminia Bielefeld zu Hause verliert. Darauf hält er fast jede Wette. Wetten?
Nachtrag 7.4.2008:
Nürnberg gewinnt 3:1, Bielefeld gewinnt und dank eines katastrophalen Torwartfehlers durch ein Tor in der Nachspielzeit mit
1:0
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