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In Deutschland existiert ein besonderes Phänomen. Die Angelsachsen bezeichnen dies als "german angst". Die Bedeutung ist so spezifisch, daß sie also dafür
keine entsprechende Bezeichnung in ihrer Sprache gefunden haben. Das ist sehr bemerkenswert. Was aber erfaßt nun "german angst"?
Ängste gibt es derer viele. Es gibt die Angst vor zu engen Räumen, Höhen, Tieren aller Art, Geschwindigkeit, Tiefenangst etc. Alles sehr konkrete Ängste (Phobien), vor denen sich aber
auch Einzelpersonen anderer Nationalitäten fürchten. Das dürfte also unter "german angst" nicht verstanden sein. Dann gibt es Ängste, die durch Leistungsansprüche verursacht werden,
z.B. Prüfungsangst. Prüfungen gibt es weltweit, und die Angst zu versagen daher auch. Das ergibt also auch kein Unterscheidungsmerkmal. Wenn wir dagegen zu dem Bereich soziale
Ängste vorstoßen, dann kommen wir der Sache schon näher. Im Zusammenhang mit Fremden tun sich die Deutschen mehrheitlich sehr schwer. Schwerer als es bei Einwohnern anderer Länder zu beobachten
ist. Alles was unbekannt ist, deutlich vom Aussehen oder den eigenen Sitten abweicht, wird grundsätzlich abgelehnt. Doch das allein kann noch keine Angst begründen.
Vielleicht hilft zur Klärung der oben angeführten Frage der Blick auf zwei wichtige Faktoren. Zum einen wäre da die geographische Lage zu berücksichtigen. Der ursprüngliche Siedlungsraum der
deutschen Vorfahren, nämlich der Germanen, in Europa weicht nicht wesentlich von der heutigen Lage ab. Zentraleuropa! Zum anderen sei die Historie erwähnt. In den ersten Jahrzehnten nach Christus
sorgten die Römer für Unfrieden, bis sie in der berühmten Varusschlacht vernichtend geschlagen wurden. Danach herrschte in bezug auf potentielle Angreifer relative Ruhe. So verstanden es die
Germanen frühzeitig, ihr neues Siedlungsgebiet im Herzen Europas zu sichern und v.a. gen Osten auszuweiten - zum Teil auf sehr brutale und rücksichtslose Weise (z.B. gegen die Slawen).
Jahrhundertelang gab es diesbezüglich keine Rückschnitte. Die aufkommende Gefahr seitens der Moslems wurde bereits im zentralen Frankreich gebannt. Zur Jahrtausendwende waren es dann
die Ungarn, die das mittlerweile östliche Reichsgebiet bedrohten, aber zurückgeschlagen werden konnten. In der Folgezeit gab es hin und wieder Durchzüge von kleineren Heerscharen, was mit der
Machtverteilung im Heiligen Römischen Reich deutscher Nationen zu tun hatte. Der französische Sonnenkönig zog mit seinen Truppen über mehrere Jahre durch das Reichsgebiet bis nach Mainz.
Abgesehen davon blieb das deutsche Reichsgebiet bis zum Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648) weitgehend unverletzt. Doch jene drei Jahrzehnte veränderten die Welt der "Deutschen"
erheblich. Dreißig Jahre lang zogen Söldnerheere kreuz und quer durch Deutschland und verwüsteten Dörfer und Städte. Spanier, Italiener, Franzosen, Bayern, Holländer, Tschechen, Böhmen, Polen,
Habsburger, Schweden etc. waren überall im Reichsgebiet unterwegs. Manche Landschaften wurden infolge von Kampfhandlungen und Plünderungen geradezu entvölkert. In den folgenden Jahrhunderten
gab es immer wieder Heeresbewegungen anderer Nationen innerhalb Deutschlands. Zwischen 1803 und 1815 sorgten die Franzosen und ihre Verbündeten unter ihrem Kaiser Napoleon Bonaparte für die
erste echte Besatzungszeit. In dieser Periode war das Erscheinen und Durchziehen fremder Heere fast schon alltäglich. Österreicher, Ungarn, Franzosen, Russen, Briten, Spanier, Italiener,
Holländer etc. waren entweder Freund oder Feind. Bis 1918 erlebten die Deutschen dann keinen Durchzug fremder Heere mehr. Erst ab 1918 besetzten Franzosen, Briten, Belgier und
Polen punktuell deutsches Reichsgebiet (infolge des verlorenen ersten Weltkriegs). Ab 1945 wiederholte sich das flächendeckend durch kanadische, australische, französische, britische,
amerikanische, russische etc. Armeeinheiten. Ungeachtet der eigenen aggressiven Vorgehensweise und Expansionsbestrebungen haben die Deutschen Fremde im eigenen Land und in
einer Gruppenstärke von mehr als zehn Menschen als potentielle Bedrohung erfahren. Offenbar haben sich diese historischen Ereignisse ins kollektive Unterbewußtsein quasi eingebrannt,
Vorurteile verursacht, und einen Zustand herbeigeführt, der ungeachtet einer konkreten Bedrohung an Lebewesen denken läßt, die unter einem Joch leben. Die allgemeine Lebenskraft bleibt
dabei individuell unterschiedlich latent geschwächt. Das bezieht sich nicht nur auf fremde Menschen, sondern auch im übertragenen Sinne auf alles Fremde oder besser: Neue (Ideen,
Sitten, Geisteshaltungen etc.). Meiner Auffassung nach erklärt dieser Ansatz sehr eindrücklich den Begriff "german angst".
Die aber weitaus interessantere Frage lautet in diesem Zusammenhang hingegen: Wie antworten die Deutschen auf "german angst"? Nach meinen langjährigen Beobachtungen und Erfahrungen kann
ich sagen, sie reagieren mehrheitlich mit mehr oder weniger strikter Ablehnung, insbesondere was fremde Menschen oder Ideen betrifft. Das in wenigen Jahrzehnten aufgebaute Obrigkeitsdenken
(historisch gewurzelt zwischen 1795 und 1848) trägt zu einer weiteren Besonderheit der Deutschen bei. Solange sie sich nämlich ihrer Mehrheit nicht sicher sind, solange schweigen sie
und äußern ihre Meinung eher vorsichtig umschrieben oder hinter vorgehaltener Hand. Doch wehe, wenn sie sich ihrer zahlenmäßigen Stärke bewußt sind bzw. werden. Dann ist kein Halten mehr!
Aufgestaute Ressentiments entladen sich urplötzlich. Die sich dann in Bewegung setzende Masse beißt dann nach allen Seiten und treibt fanatisch ihrem Ende zu. Auch hierfür gibt es eine
historische Begebenheit: 1933 - 1945.
Leider läßt diese "german angst" für die Zukunft nichts Gutes erahnen. Meiner Ansicht nach sind wir gerade in der Übergangsphase, in der die "Erkenntnis" wächst, man sei in der Mehrheit.
Dabei wäre es wünschenswert, seitens der Deutschen dieser "german angst" und dem Obrigkeitsdenken aktiv zu begegnen. Deutschland braucht dringend eine lebhafte Diskussion und ernsthafte wie
ehrliche Auseinandersetzung mit diesen beiden tiefwurzelnden Erblasten. Zum eigenen Wohl, aber auch zum Wohle der Nachbarn. Unbedingt!
Was mir aber bei meinen Reisen durch andere europäische Länder aufgefallen ist, ist das positivere Lebensgefühl, das offenere Interesse gegenüber Fremden - eben das positivere Selbstwertgefühl anderer Nationen.
Toleranz ist kein deutsches Wort, das hat seinen Grund.
Ich habe z.B. in Italien eine ganz andere soziale Verantwortung den Nachbarn gegenüber erlebt, als ich es hier in Deutschland erlebe.
Der Schäferhund ist ein Angstbeißer - könnte unser Wappentier sein - denn Angst führt zu unvorhersehbaren Reaktionen. Unsere angelnden Sachsen wissen das.... ;o)