Montag, 21. januar 2008 1 21 01 2008 14:32

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Oder Melone?

Stellen Sie sich einmal vor, sie leben im Ausland. Natürlich informieren Sie sich über die Geschehnisse im Land. Regelmäßiges Fernsehen, Radiohören und Zeitunglesen sind für Sie nichts Außergewöhnliches. Sie engagieren sich auf unterschiedlichen Ebenen und finden sich daher recht gut zurecht in Ihren neuen Heimat.

Eines Morgens lesen Sie in der Tageszeitung, daß trotz vorliegender Beweise für behördlicherseits begangene Straftaten, ein junger Mann, der dies zur Anzeige gebracht hatte, auf Betreiben von höhergestellten Staatsbeamten von der Staatsanwaltschaft als Täter vor Gericht gestellt und dort abgeurteilt wird, um somit die Bestrafung eines Angehörigen ihrer eigenen Behörde zu verhindern.

Monate später passiert ein schlimmes Zugunglück, bei dem ungefähr 140 Menschen sterben. Die Medien berichten anschließend fortlaufend über den Fortgang der Ermittlungen. Entsetzliche Bilder flimmern über die Bildschirme. Beim Vorzeigezug war unweit des Startortes eine Radscheibe gebrochen, was bei der hohen Geschwindigkeit von über 200 km/h dann zum Unglück führte. Dem Untersuchungsbericht (Auszug) eines renommierten Instituts zufolge, wäre dieses Unglück zu verhindern gewesen. Nämlich der bereits vorhandene Radschaden wäre bei einer ordentlichen Wartungsinspektion vor Abfahrt des Zuges mit Sicherheit entdeckt worden, doch es gab nicht genug technisches Personal!!! So fuhr der Zug weitgehend ungeprüft ab und ins Verderben. Der Bericht wird daraufhin von der zuständigen Staatsanwaltschaft unter Verschluß gehalten. Die Verantwortlichen können bzw. sollen nicht zur Rechenschaft gezogen werden.
Sie erinnern sich an folgendes Ereignis vor Jahren: Ein früherer Parlamentsbeschluß konservativer und liberaler Politiker, der zum Ziel hatte, das staatseigene Bahnunternehmen schrittweise zu privatisieren, sorgte in den Jahren vor dem Unglück für einen massiven Stellenabbau. Daraus resultierte die verantwortliche Personallücke. Zu dieser Erkenntnis gelangt im übrigen auch der Bericht. Doch er wird von der Justiz ignoriert.

Kurze Zeit später erleben Sie im Fernsehen einen früheren Regierungschef, dessen Partei Spenden angenommen hatte, ohne sie im Rechenschaftsbericht zu erwähnen. Er selbst hätte auch Schwarzgeld in einem schlichten Koffer in Empfang genommen. Aber er würde niemals die Geldgeber namentlich nennen, schließlich hätte er denen sein Ehrenwort gegeben. Die Justiz gibt sich damit zufrieden. Der frühere Regierungschef bleibt unbehelligt; die Spender auch.

Sie hören morgens im Radio von der Entführung eines Kindes. Tage später wird bekannt, das Kind kam während seiner Haftzeit auf grausame Weise um. Trauer legt sich auf ihr Gemüt. Wochen nach der Entführung mit Todesfolge kommt öffentlich heraus, daß der Verdächtigte (und tatsächliche Täter) durch einen Polizeibeamten mit Folter bedroht wurde, wenn dieser ihm nicht augenblicklich das Versteck des entführten Opfers nennen würde. Die anschließende Diskussion in Politik und Medien, ab wann Folter erlaubt sein könnte, läßt Sie erstmals an der Wahl Ihrer neuen Heimat zweifeln. 

Dann gelangen Informationen an die Öffentlichkeit, daß die Regierung Ihres Gastgeberlandes einem Bündnispartner das Verschleppen eigener Bürger erlaubte. Dieser Verbündete durfte mutmaßliche Terrorverdächtigte aus Ihrem Gastgeberland heraus ins Ausland ausfliegen und dort in Foltergefängnisse unterbringen. Das bedeutete mehrere Jahre Freiheitsentzug, Isolationshaft, Folter, seelische Folgen etc.

Einer ausländischen Zeitung entnehmen Sie: Großkonzerne im Gastgeberland machen Jahr für Jahr profitable Geschäfte mit Staatsregierungen, die weder demokratisch legitimiert sind noch internationales Recht achten. Die Regierung Ihres Gastgebers unterstützt diese Wirtschaftskontakte.

Allmählich dürften Sie wohl denken: Wohin bin ich denn hier nur geraten?

Ihr Gastgeberland neigt immer mehr zur Überwachung öffentlichen Raumes mit Videokameras. Aber die Regierung will außerdem für eine bestimmte Dauer auf alle Kommunikationsdaten und die Daten Ihrer PC-Festplatte zugreifen. Ein biometrischer Reisepaß soll das Sicherheitspaket abrunden.

Es wird bekannt, daß die Arbeitnehmervertreter eines landeseigenen Großkonzerns auf Kosten des Vorstands Urlaubsreisen, Partys und käuflichen Sex genießen durften. Hin und wieder gab es auch teure Geschenke oder unverhältnismäßige Gehaltserhöhungen. Ein weiterer Korruptionsskandal bei einem anderen landeseigenen Weltkonzern erschüttert das Land.

Sie lesen kaum noch Zeitung, der Fernseher bleibt immer häufiger aus.

Während ihres Aufenthalts in diesem Land - immerhin sind es schon zwölf Jahre - wird dieses auf einer von der Fachwelt sehr geschätzten Liste der Länder, die am wenigsten unter Korruption leiden, von Platz zwei auf Platz 17 zurückgestuft. In einer Reihe mit Staaten wie Schmierenreich und HullaHopLand.

Sie werden eines abends von jemandem bedroht. Daraufhin gehen Sie zum nächstgelegenen Polizeirevier und wollen Strafanzeige erstatten. Der wachhabende Polizeibeamte weigert sich, Ihre Anzeige aufzunehmen mit der Begründung: Es läge keine Straftat vor. Jetzt maßt sich bereits ein Polizist als Vertreter der ausführenden Gewalt rechtsprechende Gewalt an, also darüber zu entscheiden, ob es sich im vorliegenden Fall um eine Straftat handelt oder nicht. Das verletzt auf's Schärfste die Gewaltenteilung Ihres demokratischen (?) Gastgeberlandes. Wohin soll das bloß noch führen, denken Sie.

Neue Heimat? Alles Banane! Oder Melone? Sie beginnen Ihre Sachen und Papiere zu packen. Kardinalfrage: Nur, wohin?????

 

von Beate - veröffentlicht in: Prosatexte belletristisch - Community: Kultur-Schock
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über diesen Blog

  • : 7.01.2008
  • : von Beate
  • : Dieser Blog enthält meine freigeistigen Meinungen zu allen gesellschaftlichen und poli-tischen Themenbereichen unserer Zeit.
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