35
Die Nukleartechnik ist von Beginn an ein Politikum gewesen und bis heute geblieben. Schließlich diente ihre Entwicklung zunächst militärischem Nutzen; erst später wurde sie auch
zivil in Gestalt von Atomreaktoren für die Stromgewinnung genutzt. Aus dem Schatten der Verharmlosungen und Verheimlichungen trat sie bis heute jedoch nie heraus, nicht zuletzt auch, weil anfangs
verängstigte, später aufgeklärte kritische Bürger dieser gewaltighaltigen Technik eher ablehnend gegenüberstanden. Weltweit mußten daher mit wenigen Ausnahmen Politik und Atomwirtschaft samt
ihrer Lobbyisten in der jüngsten Vergangenheit einlenken und Neubauten von Nuklearanlagen verschieben oder stoppen; in Deutschland wurde gar der Atomausstieg vereinbart.
Doch vor dem Hintergrund des Klimawandels und einer global angestrebten CO2-Reduktion erlebt die Nukleartechnik neuerdings wieder Auftrieb, weil sie seitens der Befürworter als
"klimaneutral" eingestuft wird. Persönlich bezweifle ich das, weil dabei zuviele Faktoren unberücksichtigt bleiben wie z.B. die riesenhaften Maßnahmen zur Erkundung von Uranvorkommen, deren
großflächiger Abbau, Transport etc. Doch an dieser Stelle sollen diese Faktoren nicht weiter thematisiert werden. Vielmehr möchte ich hier auf die Folgen der bislang angewendeten
Nukleartechnik erinnern. Ausgelöst wurde mein Vorhaben durch Textpassagen, die ich heute Vormittag in einer offziellen Ausgabe des kasachstanischen Staates mit dem Titel "Kasachstan -
Daten, Fakten, Hintergründe" (copyright 2007 Botschaft der Republik Kasachstan in der Bundesrepublik Deutschland) zum früheren sowjetischen Atomwaffentestgelände
Semipalatinsk lesen durfte. Demnach diente das Gebiet Semipalatinsk im heutigen Kasachstan der Sowjetunion zwischen 1949 und 1989 als Atomtestgelände. Insgesamt wurden dort 470
Atombomben gezündet, die addiert im Vergleich zur Hiroshimabombe einer 1000fach stärkeren Sprengkraft entsprechen. Es folgen nun die erwähnten Textpassagen:
"... Anfang der 90er Jahre wurde eine Studie über die Säuglingssterblichkeit in den an Semipalatinsk angrenzenden Gebieten durchgeführt. Danach stieg sie nicht nur in der ersten, sondern auch in
der zweiten Generation. Den Höhepunkt erreichte die Säuglingssterblichkeit in den Jahren 1975 und 1976, als die Kinder verstrahlter Eltern selbst Kinder gebaren. Spätfolgen in der dritten
Generation sind nicht auszuschließen. Gegenwärtig liegt die Zahl der Menschen, die von 1949 bis 1965 radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren, bei etwa dreißig Prozent der Bevölkerung des Gebiets.
Die zweite Generation, 1965 bis 1980 von verstrahlten Eltern geboren, hat einen Anteil von vierzig Prozent an den Einwohnern von Semipalatinsk. Die dritte, nach 1980 geborene Generation stellt
rund zwanzig Prozent der Bevölkerung. Insgesamt sind etwa 1,5 Millionen Menschen in Kasachstan verstrahlt." [Anm.: 15,4 Mio Gesamteinwohner] "Seit 1950, ein Jahr nach Aufnahme der
Atomwaffentests, erhöhte sich die Kindersterblichkeit um 400 Prozent. Die Lebenserwartung sank im Jahresdurchschnitt um 25 Prozent. Vor Beginn der Versuche waren angeborene Fehlbildungen bei
Säuglingen im Gebiet Semipalatinsk nicht häufiger als in anderen Gebieten des Landes. Danach aber stieg die Häufigkeit rapide und erreichte 1962 die Zahl von 212 Mißbildungen bei tausend
Neugeborenen. Inzwischen sind 88 Prozent des Atomtestgeländes als ungefährlich ausgewiesen, acht Prozent bedürfen einer besonderen Untersuchung und nur 720 Quadratkilometer sind so stark
radioaktiv verseucht, daß sie sich als Agrarland nicht mehr eignen und für den Mensch sogar lebensgefährlich sind." (Zitat S.143/144)
"Die Folgen für die Umwelt waren verheerend, ganze Landwirtschaftsgebiete wurden zerstört. Da es keine Umweltdaten für diesen Zeitraum gibt, läßt sich das tatsächliche Ausmaß der Schäden kaum
einschätzen. Die vorhandenen Daten beweisen jedoch die weit über das Gebiet hinausgehende radioaktive Verseuchung. Die radionuklide Belastung von Milch und Fleisch aus den umliegenden
Landwirtschaftsbetrieben überstieg die Norm- und zulässigen Werte um ein Mehrfaches. Das Fehlen eines Überwachungssystems der Umwelt, des Trinkwassers, der Lebensmittel und der
landwirtschaftlichen Erzeugnisse führte zu zusätzlichen Strahlenbelastungen der Bevölkerung." (Zitat S.17/18)
"Die ökologischen Folgen der Atomtesta sind noch lange nicht überwunden, gefährdet ist die Gesundheit der Bevölkerung, beeinträchtigt ist die Landwirtschaft und die gesamte Wirtschaft der Region.
Radioaktive Rückstände wurden in den Flüssen Tschagan und Aschtschisu, im Balapansee und anderen Gewässern im Gebiet entdeckt. Auf mindestens 4500 Quadratkilometern sind der Boden und die
Hydrosphäre verpestet. Über zehn Millionen Curie radioaktive Stoffe sinbd an den unterirdischen Explosionsorten unweit des Irtysch konzentriert. Das Risiko besteht, daß Radionuklide über
unterirdische Wasserläufe zum Irtysch gelangen. Neueste Stichproben, die eine erhöhte Tritiumkonzentration in den unweit der unterirdischen Räumen liegenden Bohrlöchern aufweisen, bestätigen
diese Gefahr." (Zitat S.19)
Eindrucksvoller können Folgen einer destruktiven Technik nicht aufgezeigt werden. Es gibt schließlich noch ganz andere Belege - und zwar weltweit - für die (langfristige) Zerstörungskraft der
Nukleartechnik, obgleich die Befürworter aus Politik, Wirtschaft und Lobbyismus das stets verharmlosen.
Hierzu zählen die weltweit verstreuten Atomwaffentestgelände der Franzosen (Nordafrika, Südpazifik), Briten (Australien), Chinesen, Inder, Pakistani, Nordkoreaner und nicht zuletzt der
US-Amerikaner (Nevada, Süd- und Zentralpazifik). Die Folgen dürften sich nicht sonderlich von denen weiter oben geschilderten unterscheiden. Die Amerikaner haben es im Rahmen ihrer Tests sogar
fertiggebracht, nicht nur zehntausenden Menschen ihre Heimat (z.B. Bikini-Atoll) zu rauben, sondern sie zudem unter einer dicken Betondecke eingekapselt für lange Zeit verseucht und unbewohnbar
zu hinterlassen.
Hiroshima und Nagasaki, die beiden japanischen Orte, auf denen die us-amerikanische Air Force im zweiten Weltkrieg erstmals Atombomben abgeworfen hatte, sind immer noch radioaktiv
belastet.
Tschernobyl 1984 wirkt bis heute nach. Neben tausenden von Soforttoten, siechte bis zum Tod und siecht bis heute ein Vielfaches an Menschen in einem erbärmlichen Gesundheitszustand nur so
dahin. Fehl- und Mißbildungen treten auch heute noch auf. Die Kernzone in einem Umkreis von 60 km (!) gilt heute noch als sichere TODESZONE. Trotzdem wird das Atomkraftwerk nach wie vor
betrieben. Die Ukrainer wollen scheinbar auf diese Stromgewinnung nicht verzichten. Dabei brauchen viele radioaktiv belastete junge Menschen dringend Entlastung vor solchen Strahlen. Seit
damals sorgt ein in Westeuropa angeregtes Netz dafür, daß solche Jungen und Mädchen einen befristeten Erholungsurlaub in Westeuropa genießen können. Aber Tatsache bleibt auch, daß
die radioaktive Verseuchung damals weite Teile Europas erfaßt hat. So ist heute noch in Deutschland der Verzehr bestimmter Pilzarten nicht angeraten. Finnland, Schweden, Polen, Tschechien
und die Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Türkei spüren heute noch - wenn auch in abgeschwächter Form - die Nachwirkungen des damaligen GAU.
Weit weniger bekannt oder verdrängt ist, daß in den USA der späten 70er Jahre bereits der erste bekannte GAU (!), also ein paar Jahre früher, stattgefunden hat. Ich kann mich noch
gut an die sehr kurze Nachrichtenmeldung im Fernsehen erinnern. Die Region um das us-amerikanische Atomkraftwerk "Three Mile Island" bei Harrisburg gilt seither als unbewohnbar. TODESZONE! Damals
sind in der Folge zahlreiche Menschen sofort gestorben oder über Jahre hinweg genauso jämmerlich krepiert an den Strahlenschäden wie Jahre später in der ukrainischen Sowjetrepublik. Auch hier
traten und treten Miß- und Fehlbildungen auf.
Wieviele GAUs haben in der Zwischenzeit noch ohne Wissen der Öffentlichkeit stattgefunden; vor allem in der Frühzeit, als den Menschen von den Behörden noch suggeriert wurde, daß ein einfaches
Dach aus Zeitungspapier vor radioaktivem Niederschlag schützen würde.
Nach diesen Fakten wirkt die Tatsache, daß es weltweit Hunderte von Atomreaktoren mit der höchsten Dichte in Japan, Europa und im Osten der USA gibt, erst richtig bedenklich. Ob
Windscale (England), Cattenom (Frankreich), Leibstadt (Schweiz), Doel (Belgien), Loviisa (Finnland), Krsko (Slowenien), Vandellòs (Spanien), Paks (Ungarn), Forsmark (Schweden), Temelin
(Tschechien), Kola (Rußland), Latina (Italien), Cernavodâ (Rumänien), Ignalina (Litauen), Bohunice (Slowakei), Borssele (Niederlande), Kosloduj (Bulgarien), Biblis, Obrigheim, Isar 1 und 2,
Krümmel (alle Deutschland), Point Lepreau (Kanada), Mcguire, Crystal River und Clinton (alle USA), Laguna verde (Mexiko), Atucha (Argentinien), Angra (Brasilien), Mezamor (Armenien), Ling'ao
(China), Rajasthan (Indien), Chashma (Pakistan), Buschehr (Iran), Fukushima Daiichi (Japan), Wolsong (Südkorea), China Chan (Taiwan) und Koeberg (Südafrika); überall ist die Strahlenbelastung und
die Verseuchung erhöht. Rund um das norddeutsche Geesthacht an der Elbe wurde jahrelang ein erbitterter Gutachterstreit ausgetragen, ob das nahgelegene AKW Krümmel für die erhöhte Zahl
leukämiekranker Säuglinge verantwortlich sei oder nicht. Kürzlich widerlegte endlich eine großangelegte Studie, die mehrere AKW-Standorte umfaßte, die Behauptungen der AKW-befürwortenden
Gutachter (was Wunder!!!), die gesundheitsschädlichen Folgen seien wahrscheinlich auf natürliche Ursachen zurückzuführen.
Doch der schleichende Tod durch strahlende Verseuchung scheint angesichts der Klimadiskussion nicht aufzuhalten sein. Mehrere Länder erklärten bereits, sie wollten auf Atomkraft
weiterhin oder jetzt setzen, ungeachtet der unkalkulierbaren Risiken und unsicherer Standorte wie Erdbebengebiete (!?) Na, prost, fällt mir dazu nur noch ein.
Ich stimme deiner Meinung zu, Ulrike. Nur bezweifle ich, daß die Regierenden und ihre Hintermänner auch nur einen einzigen ernsthaften Gedanken an jene Probleme hegen. Leider.
Gundula