Montag, 11. februar 2008

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Erinnerungen

Im Spätsommer 1997 erzählte mir auf der Straße eine frühere Schuldirektorin, die damals erst seit einem halben Jahr in meiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnte, daß sie sich überhaupt nicht mehr zurechtfände in der schnellebigen Welt und sich daher nach der "guten alten Zeit" sehne. Ersteres konnte ich hinsichtlich ihres Alters nachempfinden - mir ginge es mit circa neunzig Jahren wohl nicht anders. Glücklicherweise ging ich damals erst auf die Vierzig zu.

Aber was meinte sie mit guter alter Zeit? Bei Deutschen im hohen Alter hatte ich mir im Laufe der Jahre angewöhnt, nachzufragen. Ich fragte sie daher ganz offen nach der Bedeutung ihrer Worte. Sie war erstaunt und erschrocken zugleich. Das hatte sie nicht erwartet. Ihre Augen verengten sich augenblicklich zu wahren Schlitzen und verrieten eine gewisse Feindseligkeit. Als sie sich gefangen hatte, begann sie mit einem Räuspern zu antworten. Naja, sie meinte damit lediglich die Übersichtlichkeit, die Ordnung, die Stille ... Sie benutzte auffallenderweise Gemeinplätze und vermied tunlichst, Verfängliches zu äußern. Aber ich hakte nach. Etwas provokativ. Ich fragte sie nämlich allen Ernstes, ob sie unter Übersichtlichkeit das weite Sichtfeld meinte, das ihr nach dem Krieg die Ruinenstädte boten oder ob sie darunter die geringere Bevölkerungszahl verstand. Unmerklich schluckte sie. Dann folgte ein Ja, es wäre nicht so betriebsam gewesen auf den Straßen. Weniger Menschen, weniger Autos und alles viel langsamer. Sie schien erleichtert über ihre gelungene Antwort und schickte sich an aufzubrechen. Vorsichtig schob sie den rechten Fuß nach vorne. Doch ich wollte mehr wissen. Was hätte sie denn gemacht, bevor sie Direktorin geworden war, fragte ich sie. Nach dem Krieg hätte sie eine Stelle als ganz normale Lehrerin angenommen und fünfundzwanzig Jahre(!) an derselben Schule unterrichtet. Stolz schwang in ihrer Stimme mit. Dann wäre sie an eine andere Schule gegangen, nach Aachen. Dort hätte sie die Position einer stellvertretenden Direktorin besetzt und anschließend ... Ich unterbrach sie. Ich wollte schließlich zur Zeit vor Mai Fünfundvierzig etwas hören. Bis 1942 hätte sie in Köln studiert, dann wäre sie auch dort Lehrerin geworden. Ob sie Mitglied der Partei gewesen wäre, wollte ich wissen. Nein! Ob sie nationalsozialistisch eingestellt gewesen wäre. Nein, kam es knapp, aber zögerlich aus ihrem Munde. Sie wollte los, es wurde ihr zu unbequem. Ich faßte nach. Ob sie jemals Abtransporte von Menschen erlebt hätte, fahrende militärische Standgerichte, KZ-Häftlinge, Arierpaß ... Sie brach ein. Diese Wucht an Wissensdurst hatte sie nicht erwartet. Auch noch nicht erlebt. Sie fing an zu Schluchzen, zu Weinen ... Ich war zu weit gegangen. Sie sank auf die Knie. Was hatte ich nur angerichtet? Ich wollte mich entschuldigen und ihr helfen. Andere wurden auf uns aufmerksam. Ich erwartete Abwehr, als ich ihr meine Hand reichte. Aber sie ließ sich von mir hochziehen. Ihr Gesicht war gerötet, die Augen feucht und verschwommen. Es war keine Spur mehr von Feindseligkeit in den Augen zu entdecken, sondern ... Dankbarkeit(?) Jetzt war ich erstaunt und erschrocken zugleich. Ich stand verdattert da. Einen fremden Mann, der zwischenzeitlich zu uns gekommen war, beruhigte sie mit den Worten, das alles in Ordnung wäre und ... Hatte ich richtig gehört? Ich sollte sie nach Hause bringen!

Ja, in der Tat, ich sollte. So geschah es. Bei ihr zu Hause folgte einem heftigen Gefühlsausbruch - soviele Tränen hatte ich bis dahin noch nie gesehen - ein mehrstündiger Dialog. Wobei sie phasenweise nur redete und redete. Eine Schleuse hatte ich unbedachterweise geöffnet. Sie berichtete mir vor allem von ihrer Schulzeit. Die letzten Klassenjahre hätte sie als deutsche Vollblutarierin auf einem Kölner Gymnasium verbracht, dessen Schuldirektor ein fanatischer Nationalsozialist und zugleich ihr Klassenlehrer gewesen wäre. Im Bund Deutscher Mädel wäre sie im nationalsozialistischen Sinne erzogen worden. Natürlich hätte sie als junger Mensch an den Führer und den Nationalsozialismus geglaubt. Aber diese Ideologisierung wäre in dem Augenblich wie Farbe von ihrem Körper abgewaschen worden, als sie andere, nachhaltigere Eindrücke erfuhr. Bereits vor Kriegsende hätte sie von Vergasungen und pseudomedizinischen Experimenten in Konzentrationslagern erfahren, was übrigens viele Deutsche wußten; sie hätte grausame Bilder gesehen, lange bevor ähnliche Bilder den Deutschen nach Kriegsende vorgeführt worden wären. Aber sie wäre nicht in den Widerstand gegangen. Warum das eigene Leben riskieren. Der Krieg wäre sowieso verloren gewesen. Die amerikanischen Truppenverbände ständen schließlich bereits vor den Toren Kölns. Vielmehr wollte sie beim Wiederaufbau helfen. Hitler, die Nationalsozialisten, aber auch die vielen mehr oder weniger mitlaufenden und größtenteils mitwissenden Deutschen hätten sie jedenfalls glücklicherweise nicht gebrochen. Dafür wäre die versuchte Indoktrination in den letzten Klassenstufen nicht ausreichend, quasi nur oberflächlich gewesen. Zumindest wäre es bei ihr so gewesen. Ihre grundsätzliche Prägung hätte in der Weimarer Zeit stattgefunden. Was sie als sehr bedauerlich empfände, wäre die Tatsache, daß den Kindern, die ausschließlich im nationalsozialistsichen Sinne erzogen und gebildet worden waren, ihr Leben gründlich ruiniert war. Von denen hätten nur wenige die Ideologisierung und Indoktrination unbeschadet überstanden, wenn nicht ein Freundeskreis oder das Elternhaus dagegen gesteuert hätte. Sie müßte es wissen, denn in den ersten Jahren nach dem Krieg hätte sie solche Kinder noch zu unterrichten gehabt. Ihrer Meinung nach wären ihre Leben verschenkt, geradezu verraten worden. Übrigens, sie hätte auch ihre beste Freundin an jene Zeit verloren. Bei ihr wäre die braune Farbe schon zu tief in die Haut eingedrungen. Oder war ihre beste Freundin vielleicht schon vor Dreiunddreißig indoktriniert gewesen?

Diesem Gespräch folgten noch sehr viele und, es entspann sich eine wundervolle Freundschaft zwischen uns beiden. Eine Freundschaft zwischen zwei Menschen, die zwar in unterschiedlichen Generationen aufwuchsen, aber trotzdem in manchen Dingen ähnliche Ansichten und Ideen vertraten und oft über alle Grenzen hinweg gleich fühlten. Warum ich meine Beziehung zu einer sehr alten Frau schildere. Dann ausgerechnet das Erlebnis des näheren Kennenlernens? Meine alte Freundin ist gestern im Alter von neunundachtzig Jahren, drei Wochen vor ihrem runden Geburtstag, daheim verstorben. Dieser Beitrag hier soll meine unauslöschliche Erinnerung an einen außergewöhnlichen Menschen sein.

von ein Zaungast veröffentlicht in: Prosatexte Sachthemen Community: Mehr menschlichkeit
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  • : 7.01.2008
  • : von Beate
  • : Dieser Blog enthält meine freigeistigen Meinungen zu allen gesellschaftlichen und poli-tischen Themenbereichen unserer Zeit.
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