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Menschenkenntnis kann Menschen töten
Es trug sich vor Jahren zu. Eine verheiratete Nachbarin, soweit ich damals wußte war sie Sozialpädagogin, hatte einen Liebhaber. Ich hatte sie mehrmals in unserer Stadt mit einem Mann, nicht ihr
Ehemann, händchenhaltend und eng umschlungen gesehen. Adrett sah er aus und schien auch gut zu ihr zu passen. Ein Liebhaber halt. Feurig! Den späteren Zeitungsberichten zufolge sollte ihre
Ehe zu diesem Zeitpunkt längst zerrüttet gewesen sein. Das schien mir auch so als ich mitansehen konnte wie sie ihn küßte. Leidenschaftlich. Explosiv. Verschlingend.
Monate später trugen sie morgens einen schnöden Blechsarg aus dem Nachbarhaus. Was war geschehen? Diesbezügliche Fragen beantworteten nur die lokalen Tageszeitungen in den folgenden Tagen
und Wochen. Nun, ich hielt mich zurück. Aber deren Schlußfolgerungen schienen mir zu simpel: Ehemann erschlägt Liebhaber aus rasender Eifersucht.
Der Ehemann sitzt heute auf der Anklagebank, trotz seiner Haltung machte er von Beginn der Verhandlung an auf mich den Eindruck eines jähzornigen äußerst impulsiven Menschen. Obwohl ich ihn
früher als zuvorkommenden und freundlichen Menschen kennengelernt hatte. Vielleicht nur Fassade. Denn er ist der Täter, daran gibt es keinen Zweifel. Das weiß er auch. Das wissen alle.
Zerknirscht sitzt er auf der Anklagebank. Den Kopf gesenkt und in seinen Händen vergraben. Alles läßt er über sich ergehen. Regungslos. Wortlos. Ein Häufchen Elend. Ahnt er denn gar nichts?
Warum ich mir so sicher bin? Eine Woche nach dem tödlichen Ereignis sah ich meine Nachbarin wieder. Es war schon dunkel, aber ich konnte sie erkennen. Dazu konnte ich noch jemanden erkennen: den
Feurigen!
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